24.01.2018 //

Vernetzte Köpfe - CONNECTED LIVING-Interview mit Dr. Dirk Stenkamp - Vorstandsvorsitzender der TÜV NORD AG

Als anerkannter Technologie-Dienstleister steht die TÜV NORD GROUP weltweit für Sicherheit und Vertrauen. Die voranschreitende Digitalisierung und die digitale Vernetzung im Internet der Dinge führen zu spezifischen Anforderungen an die IT-Sicherheit von Produkten und Systemen, die die TÜV NORD GROUP verstärkt in den Fokus stellt, um seine Kunden ganzheitlich zu unterstützen.
In unserem Experteninterview haben wir mit Dr. Dirk Stenkamp, Vorstandsvorsitzender der TÜV NORD GROUP, über die zentralen Herausforderungen der Digitalisierung für Prüforganisationen gesprochen. Außerdem erfahren Sie, welche Rolle TÜV NORD zur Minimierung von neuen Risiken im digitalen Zeitalter einnimmt und wie sich das Unternehmen zukünftig aufstellt.

Herr Dr. Stenkamp, welches ist für Sie das herausragende Produkt der Digitalisierung?

  • Den bisher größten Einfluss auf unser Geschäfts- und Privatleben hat für mich das Smartphone. Smartphones sind für mich das sichtbarste Symbol der Digitalisierung und insbesondere der Vernetzung aller Lebensbereiche: Information für jeden zu jeder Zeit an jedem Ort. Die sogenannten Smart Products setzen die digitale Vernetzung logisch fort: Smart Cities, Smart Home, Smart Grids, Smart Mobility, Smart Factories. Der Einsatz kognitiver Maschinen-Intelligenz bildet die Spitze dieser Bewegung. Und wir als technischer Prüf- und Beratungsdienstleister müssen Fragen beantworten, ob zum Beispiel selbstlernende Roboter auch nach zehn Jahren Betrieb noch sicher sind. Das wird einer unserer Beiträge sein müssen zur Künstlichen Intelligenz und ihrem Einsatz in Industrie und beim automatisierten Fahren.

Welche zentralen Herausforderungen stellt das vernetzte Zeitalter an Prüforganisationen wie TÜV NORD?

  • Die neue, digitalisierte Welt muss genauso sicher sein wie die alte, analoge – was die physische Sicherheit des Menschen und der schützenswerten Güter angeht. Hierzu ist es aber erforderlich, zunächst die IT-Sicherheit sicherzustellen, um den Industrieroboter, das selbstfahrende Auto oder unsere Strom- und Wasserversorgung vor Cyber-Kriminellen zu schützen. Denn durch die zunehmende Vernetzung und IP-fähiger Geräte ergeben sich ganz neue Sicherheitsrisiken, bei denen die klassischen Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr greifen. Zwischenzeitlich meldepflichtige Angriffe auf Einrichtungen der sogenannten kritischen Infrastruktur wie Krankenhäuser, Banken oder Stromversorger dokumentieren diese wachsende Bedrohungslage eindrücklich.

Welche Rolle kommt TÜV NORD zu, um die neuen Risiken im digitalen Zeitalter abzuwehren?

  • TÜV NORD schützt seit fast 150 Jahren die Menschen vor den Gefahren der Technik, zum Beispiel durch die verpflichtende Prüfung von Aufzügen oder Autos. Seit mehr als 20 Jahren prüfen wir aber auch die IT-Sicherheit von Systemen, ein aktuell stark wachsender Markt. Aus Digitalisierung und Vernetzung ergibt sich ein insgesamt deutlich erweiterter Schutzauftrag. Bei TÜV NORD denken wir längst IT-Sicherheit und physische Sicherheit zusammen und haben dafür den Begriff „Security4Safety“ entwickelt. Ohne IT-Sicherheit gibt es keine Produktsicherheit.

Sie sind also mittendrin in der digitalen Transformation.

  • Unsere Konzerntochter TÜViT ist seit Jahrzehnten ein fester Bestandsteil des IT-Sicherheits-Marktes und baut ihre Dienstleistungen kontinuierlich und international weiter aus. Auch alle anderen Geschäftsbereiche der TÜV NORD GROUP arbeiten intensiv an digitalen Innovationen und neuen Dienstleistungen: So bieten wir Zertifizierungen für IT-Sicherheit vom IT-Grundschutz für KMUs bis zu höchsten Sicherheitsprüfungen für Groß-Rechenzentren an. Allein in den vergangenen zwei Jahren hat TÜV NORD mehr als 30.000 digitale Aufzugsprüfungen und mehr als zwei Millionen Fahrzeuguntersuchungen mittels digitaler Prüfmethoden vorgenommen.

Genügt es denn weiterhin, wenn sich der TÜV das fertige digitale Produkt anschaut und begutachtet?

  • TÜV NORD ist ein Unternehmen mit sehr großem Wissen in unterschiedlichen Branchen und Disziplinen. Bedingt durch immer kleinere Produktentwicklungszyklen wird dieses Wissen zunehmend bereits bei der Produktentwicklung benötigt, um alle Sicherheitsaspekte bereits bei Produktentwicklung und Design zu berücksichtigen. „Safety & Security by Design“ wird zum entscheidenden Wettbewerbs-Faktor.

Der deutsche TÜV steht für Sicherheit und weltweit anerkannte Standards, anderseits gilt Deutschland als sehr streng beim Datenschutz. Droht Deutschland dadurch bei der digitalen Entwicklung den Anschluss zu verlieren?

  • Nein, ich sehe darin eine große Chance. Weltweit erwartet man, dass Deutschland die Standards für Datenschutz und sichere IT-Infrastrukturen setzt. IT-Sicherheit ist ein hohes Gut und ein Wettbewerbsvorteil, das spüren wir u. a. in Asien. Sicherheit und Vertrauen sind die Voraussetzung für die Akzeptanz der Digitalisierung, dafür braucht es klare und transparente Regeln. Die müssen aus Deutschland kommen, Made in Germany 4.0.

Interview des Geschäftsstellenleiters Martin Pietzonka mit Dr. Dirk Stenkamp vom 11. Januar 2018

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