09.07.2018 //

Vernetzte Köpfe - CONNECTED LIVING-Interview mit Achim Berg, Präsident Bitkom e. V.

In einem Experteninterview haben wir mit Achim Berg, Präsident des Bitkom e. V., unter anderem über die zentralen Rahmenbedingungen einer erfolgreichen digitalen Transformation in Unternehmen sowie über die Bedeutung von branchenübergreifenden Ökosystemen als Erfolgsfaktor gesprochen. Außerdem erfahren Sie, welche Innovationen und neuen Technologien unser Leben in den kommenden Jahren nachhaltig verändern und welche Rolle Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz, Machine Learning und Blockchain in unserem privaten und beruflichen Alltag spielen werden.

Welche Innovationen und neuen Technologien werden unser Leben in den kommenden Jahren nachhaltig verändern und welche Rolle werden sie in unserem privaten und beruflichen Alltag spielen?

  • Wenn wir über die Technologien der Zukunft sprechen, dann stehen zwei ganz vorne: Künstliche Intelligenz und Blockchain. Die Blockchain-Technologie ermöglicht sichere Transaktionen, ohne dass man dazu eine zentrale Vertrauensinstanz bräuchte. So können bereits heute Zahlungen sicher gestaltet werden, künftig könnten zum Beispiel Beurkundungen ohne Notar erfolgen, man kann auf Fahrtenbücher verzichten, Musiker oder Videokünstler können ihre Rechte besser schützen. Künstliche Intelligenz wiederum kann Menschen unterstützen und von Routineaufgaben entlasten: Selbstfahrende Autos, ressourcenschonende Logistikprozesse oder ganz individuelle Krebstherapien sind nur ein paar Anwendungsszenarien. Die Herausforderung ist, dass Deutschland nicht nur in der Forschung führend bleibt, sondern auch beim Einsatz in den Unternehmen spitze wird. Dazu braucht es eine politische Flankierung, aber vor allem den Mut, Dinge auszuprobieren.

Was sind die zentralen Rahmenbedingungen und Faktoren für die erfolgreiche digitale Transformation in Unternehmen?

  • Digitalisierung braucht hellwache und agile Manager. Sie müssen für drei Dinge sorgen: Vision, Action, Speed. Dazu gehört erstens eine Digitalstrategie, die die Entwicklung neuer, digitaler Geschäftsmodelle in den Fokus rückt. Zweitens Investitionsbereitschaft, und zwar von Zeit und Geld. Denn eine erfolgreiche Digitalisierung braucht Ressourcen. Und drittens sollte jedes Unternehmen Zukunftstechnologien im eigenen Unternehmen nutzen oder zumindest mit ihnen experimentieren. Wer heute schon Erfahrungen mit Künstlicher Intelligenz oder Blockchain macht, der kann sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Digitalisierung entwickelt sich exponentiell. Wer zu lange wartet, der muss einen steilen Weg gehen.

Liegt Deutschland im internationalen Vergleich zurück? Gibt es Branchen oder Unternehmen, die besonders hinterherhinken und wo sind wir bereits gut aufgestellt?

  • Deutschland ist mit seinen Leitbranchen von der Automobilindustrie über den Maschinenbau, das Gesundheitswesen oder auch die Logistik weltweit führend. Unser Ziel muss sein, in diesen Branchen auch in der digitalen Welt eine Führungsrolle einzunehmen.
    Kleine und mittelständische Unternehmen verstehen unter digitaler Transformation immer noch vor allem die Digitalisierung von Geschäftsprozessen – also zum Beispiel die Einführung von digitalen Reisekostenabrechnungen oder die digitale Personalakte. So wichtig solche Schritte auch sind, sie schöpfen die Potenziale der Digitalisierung nicht annähernd aus. Das Geschäft der Zukunft wird in nahezu allen Branchen digital sein und dazu gehört, völlig neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Das zeigen Plattformen wie Uber, Facebook oder AirBnB, mit denen wir es in der digitalen Welt zu tun haben. Das größte Taxi-Unternehmen besitzt keine Autos, sondern vermittelt Fahrer. Das wertvollste Medienunternehmen produziert keine Inhalte. Der größte Anbieter von Übernachtungen besitzt keine Immobilien. Was man braucht, um diese Chancen zu erkennen, ist oft nur ein bisschen Fantasie – und der Mut, etwas Neues zu wagen.

Am 5. und 6. Juni hat Connected Living seine 4. ConnFerence in Berlin veranstaltet, auf der wir Sie als Keynote-Speaker begrüßen durften. Die ConnFerence bot den Teilnehmern neben fachlichem Austausch auch eine gute Möglichkeit, branchenübergreifende Partnerschaften anzustoßen. Im Rahmen der Vorträge und Diskussionsrunden wurde die Bedeutung von sektorübergreifenden Ökosystemen viel diskutiert. Welchen Stellenwert nehmen, Ihrer Meinung nach, Kooperationen im Zuge der digitalen Transformation ein?

  • Die Digitalisierung senkt mit ihren technischen Entwicklungen Markteintrittsbarrieren, Innovations- und Produktzyklen werden immer kürzer. Diese Geschwindigkeit kann nicht nur kleine und mittelständische Unternehmen überfordern, sondern auch global agierende Konzerne. Global Player haben zwar mehr finanzielle und personelle Ressourcen als die Kleinen, können jedoch auch nicht mehr alles allein machen. Auch sie haben nicht immer das erforderliche technische, digitale Know-how oder die richtigen Köpfe am richtigen Ort in der richtigen Umgebung. Und auch sie haben finanzielle Grenzen bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, neuer Produkte, neuer Dienstleistungen. Der Weg kann daher nur sein, zu kooperieren. Sich horizontal zu vernetzen, Risiken zu verteilen, Stärken zu bündeln. Und so gemeinsam mit Partnern – Startups genauso wie Mittelständlern oder anderen Global Playern – an der Entwicklung und Weiterentwicklung des Geschäftsmodells zu arbeiten. Aus diesen Netzwerken können digitale Ökosysteme entstehen. Solche Ökosysteme entwickeln der Bikom, zum Beispiel in unserem Kompetenzbereich Smart Home und natürlich auch das Innovationsztentrum Connected Living.

Welche digitalen Infrastrukturen müssen zukünftig gegeben sein, damit die Vision vom vernetzten Leben Realität wird?

  • Um die Vision des vernetzten Lebens und der vernetzten Gesellschaft Wirklichkeit werden zu lassen, brauchen wir ein breites Portfolio an Konnektivitätslösungen. Die meisten neuen Anwendungen sind auf drahtlose Anbindungen angewiesen, die zuhause über den Festnetzanschluss in der Regel mit WLAN realisiert werden. Wir müssen aber weiterdenken: Die Zukunftsfähigkeit Deutschlands erfordert die Verfügbarkeit von Gigabit-Infrastrukturen und ein Zusammenwachsen von Festnetz und Mobilfunk. Konvergente Netze der 5. Generation (5G), glasfaserbasierte Netze und vergleichbar leistungsfähige Anschlüsse werden Elemente dieses „Gigabit-Technologiemixes“ sein. Um dies zu realisieren, sind weitere Anstrengungen – sowohl von den Unternehmen als auch von der Politik – erforderlich.

Wie können wir sicherstellen, dass wir in Deutschland zukünftig über die notwendigen digitalen Kompetenzen verfügen, um die Visionen Realität werden zu lassen?

  • Ein Schlüssel zur erfolgreichen Digitalisierung liegt in der Qualifizierung und Weiterbildung der Menschen. Die Unternehmen müssen eine Weiterbildungsstrategie rund um die digitalen Kompetenzen ihrer Mitarbeiter erarbeiten und dafür entsprechende Mittel bereitstellen. Die Arbeitnehmer müssen ihrerseits die Weiterbildungsmöglichkeiten einfordern und vor allem auch nutzen. Und die Politik muss dafür sorgen, dass die Fähigkeit, sich weiterzubilden schon in der Schule erlernt wird – dazu muss die Vermittlung von digitalen Kompetenzen verpflichtend im Lehrplan verankert werden.

Interview mit Achim Berg, vom 06. Juli 2018

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